Interessenkonflikt Beispiel Essay

Aber auch der aktuell diskutierte Verdacht, dass immer mehr und mehr operiert wird, könnte seinen Ursprung in Interessenkonflikten haben: Bei der Vorgabe von ökonomischen Zielen durch die Klinikleitung – etwa eine bestimmte Anzahl von Hüftoperationen pro Jahr durchzuführen – kann es unbewusst passieren, dass der Arzt seinen Patienten eher eine Operation empfiehlt, auch wenn sie streng genommen nicht angezeigt ist. Es ist daher erfreulich, dass Bundesärztekammer und Deutsche Krankenhausgesellschaft diese problematischen Bonusverträge, die falsche Anreize schaffen, jetzt abschaffen wollen.

So weit zum Problem. Welche Maßnahmen sind nun für einen professionellen Umgang mit Interessenkonflikten sinnvoll?

  • Es muss erst einmal überhaupt ein Bewusstsein dafür geschaffen werden.
  • Es gilt Interessenkonflikte offenzulegen und damit für andere sichtbar und überprüfbar zu machen.
  • Wir brauchen klare Regeln, um die daraus entstehenden Risiken beherrschen zu können.
  • Interessenkonflikte sollten – wo immer möglich – durch selbstkritisches und entschlossenes Handeln vermieden werden.
Der erste Punkt ist nötig, da viele Ärzte und Wissenschaftler sich auf Grund ihres "blinden Flecks" das Vorhandensein von Interessenkonflikten gar nicht klarmachen. Fortbildungsveranstaltungen, Seminare und Vorlesungen für Studierende würden hier das allgemeine Bewusstsein fördern. Forschungsprojekte könnten deutlich machen, wo Interessenkonflikte bestehen und wie sie wirken.

Um derartige Manipulationsmechanismen sichtbar zu machen, ist Punkt zwei unerlässlich – Transparenz. Manch einer mag nun einwenden, dass es eine solche Offenlegung gerade in der Medizin bereits gibt, ich also Eulen nach Athen trage. Allerdings läuft das bislang normalerweise so ab: Ein Arzt oder Wissenschaftler wird von einer Fachzeitschrift oder einer Leitlinienkommission darum gebeten, seine Interessenkonflikte offenzulegen. Dies tut er, indem er die Namen der Firmen nennt, mit denen er zusammengearbeitet hat. So weit, so gut. Aber dann soll der Betroffene zusätzlich selbst beurteilen, ob er dadurch seine Meinungsäußerung beeinflusst sieht oder nicht. Gerade das ist aber auf Grund des erwähnten "blinden Flecks" nur schwer möglich. Entsprechend verneinen die Beteiligten regelmäßig, Interessenkonflikte zu haben.

Entscheidend: Bewertung durch andere

Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen: Die Offenlegung muss erstens umfassend und detailliert sein, und zweitens müssen andere Personen beurteilen, ob der Interessenkonflikt ein Risiko für ein verzerrtes Urteilen oder Handeln mit sich bringt. Die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, bei der ich die Arbeitsgruppe Interessenkonflikte leite, oder das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) haben genau das umgesetzt. Da beide die Wirksamkeit von Arzneimitteln bewerten, ist die Unabhängigkeit ihrer Mitglieder und Experten entscheidend. Sie verwenden daher Formblätter, die detailliert nach allen Arten von Interessenkonflikten fragen, und zwar unabhängig davon, ob der Betroffene eine Beeinflussung sieht oder nicht. Aufzuführen sind etwa Vortrags- oder Gutachterhonorare, Unterstützungen für Kongressbesuche oder Forschungsprojekte, aber auch Tätigkeiten in Berufsorganisationen oder für Krankenkassen. Der Vorstand beziehungsweise unabhängige Gremien sichten dann die derart offengelegten Interessenkonflikte, bewerten anschließend das Risiko einer Beeinflussung und können gegebenenfalls Wissenschaftler von Bewertungen von Arzneimittelstudien ausschließen.

Welche Regeln sind schließlich erforderlich, um die Risiken aus Interessenkonflikten beherrschbar zu machen, und wie können solche Konflikte wirksam reduziert werden? Es lassen sich drei Gruppen unterscheiden: solche, die sich jeder einzelne Arzt oder Wissenschaftler selbst auferlegen kann; solche, die Institutionen wie Hochschulen oder Kommissionen zum Umgang mit Interessenkonflikten aufstellen; und solche, die der Gesetzgeber in Form von Gesetzen erlassen kann.

Regeln der ersten Gruppe sollten am besten direkt Eingang in die Berufsordnung der Ärzte finden. Leider ist mit dieser momentan in einem weiten Rahmen vereinbar, Geschenke und Zuwendungen etwa der Pharmaindustrie anzunehmen. Das muss sich ändern. Viele Ärzte und Wissenschaftler haben sich inzwischen entschlossen, auf persönliche Zuwendungen freiwillig zu verzichten, um unabhängiger zu sein. Ich selbst arbeite zwar selbstverständlich mit der Pharmaindustrie auf wissenschaftlicher Ebene zusammen. Allerdings nehme ich seit sechs Jahren keinerlei Gelder mehr von ihr für Vorträge, Veranstaltungen oder Ähnliches an.

Keine Geschenke mehr

In der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Mainz, die ich leite, werben keine Pharmavertreter auf den Stationen, es gibt keine Werbegeschenke, und wir nehmen auch kein Geld der Industrie für Fortbildungsveranstaltungen und keine Arzneimittelmuster an. Damit gehören Reisen wie die eingangs erwähnte nach Stockholm der Vergangenheit an. Diese Maßnahmen verleihen mir ein viel höheres Maß an Unabhängigkeit in meiner Verordnung von Medikamenten, aber auch bei Empfehlungen, die ich in Vorträgen abgebe.

In Deutschland gehören etwa 350 Ärzte der Ärzteinitiative MEZIS an. MEZIS steht für "Mein Essen zahl ich selbst" und ist der deutsche Ableger der internationalen "No free lunch"-Bewegung. Diese hat sich einer rationalen, rein evidenzbasierten Medizin verpflichtet und verzichtet auf alle Formen von Vergünstigungen durch die Pharmaindustrie. Der englische Slogan "There's no such thing as a free lunch" ist dabei noch viel treffender als die Eindeutschung "MEZIS", denn er steht nicht nur dafür, dass man sich nicht einladen lässt, sondern auch dafür, dass eine solche Einladung grundsätzlich nicht wirklich "for free" ist – es also so etwas wie ein kostenloses Essen mit der Industrie ohne Konsequenzen gar nicht gibt.

Leitbilder für eine gute Zusammenarbeit Kooperationen zwischen Industrie und Hochschulen sind wichtig und wirken sich häufig positiv für Patienten und Gesellschaft aus – zum Beispiel dann, wenn neue, wirkungsvolle Medikamente entwickelt werden. Gibt es aber keine klaren Spielregeln, entstehen die erwähnten Risiken, die das Patientenwohl gefährden können. Entscheidend dürfte sein, Leitbilder für die Zusammenarbeit zwischen den beiden Bereichen zu entwickeln: ein Regelwerk, das weit über die gesetzlichen Vorgaben zur Korruptionsvermeidung hinausgeht. Die Hochschulen in den USA sind hier sehr viel weiter – fast alle medizinischen Fakultäten haben schon mehr oder weniger strenge "policies".

Die Hochschulen müssten darüber hinaus aber auch unabhängige Gremien einsetzen, welche die Gestaltung von Kooperationsverträgen mit der Industrie bewerten und den Umgang mit Interessenkonflikten steuern. Auf diese Weise ließen sich zudem Zielvereinbarungen mit Hochschullehrern daraufhin untersuchen, ob sie keine falschen Anreize beinhalten. Zur angestrebten "guten Praxis" gehört auch, dass Hochschulen ihre Kooperationsverträge mit der Industrie offenlegen. Dabei geht es um die Rahmenbedingungen und nicht um die Inhalte, die möglicherweise der Geheimhaltung unterliegen. Werden mit diesem Argument allerdings die allgemeinen Regeln der Zusammenarbeit nicht bekannt gemacht, wie kürzlich beim Kooperationsvertrag der Universität zu Köln mit der Bayer AG geschehen, hat man durchaus das Recht, misstrauisch zu sein.

Stärkt die unabhängige Pharmaforschung

Großen Handlungsbedarf sehe ich insbesondere bei der Auftragsforschung. Die Wissenschaftler müssen über die verwendete Methode mitentscheiden können, vollen Zugang zu den Daten haben, die Interpretationshoheit über die Ergebnisse sowie das Publikationsrecht besitzen, und alle Studien müssen registriert und veröffentlicht werden. Immerhin hat der Gesetzgeber kürzlich eine verpflichtende Registrierung aller klinischen Arzneimittelprüfungen in Deutschland erwirkt – ein Schritt in die richtige Richtung. Auf diesem Gebiet gibt es auch in unserer Klinik noch ungelöste Probleme. Wir haben ein Zentrum, in dem wir viele unabhängige Studien, aber auch Auftragsforschung für die Pharmaindustrie durchführen. Wir machen das zwar nur mit solchen Medikamenten, von denen wir erwarten können, dass sie bereits auf dem Markt befindlichen Substanzen überlegen sind. Die Probleme, dass die Daten allein beim Auftraggeber liegen und wir kein Publikationsrecht haben, bleiben aber bestehen. Dafür gibt es wohl nur eine Lösung: die Stärkung der unabhängigen Pharmaforschung an den Universitätskliniken.

Brauchen wir womöglich auch neue Gesetze für Ärzte, um Interessenkonflikte und Korruption zu regeln? Der Bundesgerichtshof hat letztes Jahr mit Recht darauf hingewiesen, dass die Verordnung von Medikamenten im Vertrauensverhältnis der Arzt-Patient-Beziehung erfolgt und dass dabei andere Interessen keine Rolle spielen dürfen. Mit anderen Worten: Ärzte sind weder Beauftragte der Pharmaindustrie noch der Krankenkassen, sondern allein ihrer Patienten. Das muss der Kern der ärztlichen Haltung sein, die in der Berufsordnung der Ärzte unmissverständlich festgeschrieben werden sollte. Ob man dann noch Gesetze braucht, um Verstöße gegen diese Berufsordnung oder gegen Regeln, die sich Institutionen oder Kommissionen geben, zu ahnden, hängt davon ab, wie weit die Sanktionierungsmöglichkeiten der Ärzteschaft selbst reichen. Regeln, die sich auf die Berufsordnung oder Leitbilder beziehen, besitzen einen wichtigen Vorteil: Sie lassen sich leichter weiterentwickeln und dem Stand der Forschung und Erkenntnis anpassen. Gesetze sind naturgemäß viel starrer und unbeweglicher.

Die Philosophen liefern uns keine Rezepte, wie wir unser Leben bewältigen können. Sie geben uns Handhaben, uns selbst zu erkennen. Wer dem Philosophen ein Rezept abverlangt, hat ihn mißverstanden. (Der Philosoph, der ein Rezept gibt, versteht sich selber miß, doch sind gerade die Rezept-Mißverständnisse im Großen ebenso fruchtbar wie bewegend.)

Wer im Atomzeitalter bei dem preußischen Kriegsphilosophen Carl von Clausewitz ein Rezept haben wollte, wie der Krieg vorzubereiten und zu führen sei, hätte ihn mißverstanden. In der "FAZ" klagt der Experte Weinstein: "Wenn unsere Zeit keinen Clausewitz hervorbringt, der die Richtung weist, muß der gesunde Menschenverstand Maßstäbe setzen." Clausewitz hat aber keine Richtung gewiesen, keine Maßstäbe gesetzt. In seinem Werk "Vom Kriege" hat "Denken sich bewegt" (Benedetto Croce).

Durch Clausewitz-Lektüre gelangt Raymond Aron in seinem 1980 deutsch erschienenen Buch

( Raymond Aron: "Clausewitz -- Den Krieg ) ( denken". Propyläen Verlag, Frankfurt; ) ( 782 Seiten; 68 Mark. )

"u der nicht mehr selbstverständlichen Einsicht: Eine Rivalität " " oder ein Interessenkonflikt zum Beispiel zwischen der " " Sowjet-Union und den Vereinigten Staaten ist kein Krieg, bei " " dem die Historiker die Verantwortlichen, den Anfang und das " " Ende bestimmen könnten. "

Hier spricht aus Aron der eine, der anti-ideologische Clausewitz: Es gibt einen anderen, wie auch einen zweiten Raymond Aron. Die Lust der Janusköpfigkeit genießen nicht nur die "Linken". Aron entnimmt "em Clausewitz: Es scheint manchmal tatsächlich, daß die " " amerikanischen Strategen dazu neigen, die Diplomatie in " " Begriffen der Gewalt zu denken, während die " " Marxisten-Leninisten trotz ihrer Wortwahl die theoretische " " Grenze dort beibehalten, wo die Tradition sie gezogen hat. "

Warum haben ganze Generationen deutscher Generalstäbler sich für Clausewitz-Schüler gehalten? Weil Moltke, der Eisenbahn- und Artillerie-General, bei Königgrätz und Sedan siegte, nicht den Clausewitz unterm Arm, sondern den General Glück zur Seite. Moltke, Absolvent der Berliner Kriegsakademie unter Clausewitz, sah in der Strategie "ein System von Auswegen".

Nehmen wir jenen Krieg und jene Schlacht, die am ehesten so anmuten, als seien sie im Geiste von Clausewitz konzipiert, nehmen wir Preußens Krieg gegen Österreich und die Schlacht von Königgrätz 1866. Moltke rückt, entgegen den Empfehlungen von Clausewitz, in drei voneinander getrennten Heerhaufen heran. Es gelingt ihm ein Sieg, der den Krieg entscheidet. Natürlich will er den Feind bis Wien verfolgen.

Da wird er (und sein König) von Bismarck unsanft daran erinnert, daß der Krieg nicht Selbstzweck sein darf, daß er den politischen Verkehr nicht unterbricht, daß er ein Mittel ist, in den politischen Verkehr, der niemals unterbrochen war, zeitweilig eingemischt; wird erinnert, daß demgemäß der Friedenszustand, der Zustand des Nicht-mehr-Krieg-Führens, im Auge behalten werden muß. Bismarck, der dem Moltke beim "Siegfrieden" gegen Frankreich mehr als tunlich nachgab, hatte nichts von Clausewitz gelesen.

Schon 1880 vermerkte der Generalstäbler Wilhelm von Scherff mit einiger Ironie, das Buch "Vom Kriege" eigne sich als eine Lehrschrift "allenfalls für angehende Feldherren, schon nicht mehr für Kommandierende Generäle".

Der Generalfeldmarschall und Generalstabschef (1891--1906) Graf Schlieffen hat ein Vorwort zur 5. Auflage geschrieben, das ist alles. Ludendorff und der Franzose Foch, die wichtigsten Krieger 1918, haben den Lehrer bis zur Karikatur mißverstanden.

Falkenhayn, der Ausblutungs- und Ermattungsstratege von Verdun, kann sich auf ihn ebenso berufen wie die Durchbruchs-Feldherren Ludendorff und Foch. Das Buch "Vom Kriege" gehört zum Bildungsgut, das ist''s.

Von dem volkstümlichsten, sicher nicht originellsten Grundsatz der Clausewitzschen Denkart, dem Primat der Politik, waren die preußisch-deutschen Generalstäbler nie durchdrungen, Schlieffen weniger als der ältere Moltke, Ludendorff weniger als Schlieffen. Man bedenke, daß der verheerende Schlieffen-Plan nie unter Allerhöchster Leitung diskutiert worden ist. Tirpitz, der Schöpfer der "Risiko-Flotte", kannte ihn bei Kriegsausbruch nicht.

Wer sich heute mit Clausewitz beschäftigt, wird feststellen, daß er nie aktueller und nie unaktueller war. Wir finden bei ihm Muster, die uns an das erinnern, was heute ist und morgen wird.

Wer war Carl von Clausewitz? Raymond Aron macht es sich entschieden "u leicht: ... gehört Clausewitz zu den Männern, die wie Thukydid"s " und Machiavelli -- dank ihres Scheiterns im tätigen Leben -- " " die Muße fanden und die Entschlossenheit, eine Kunst, die sie " " unvollkommen praktiziert, in der Theorie zum klaren " " Bewußtsein zu bringen. "

Thukydides, der leidenschaftslose Historiker des Peloponnesischen Krieges, war ein reicher Bürger Athens, der Bergwerke in Thrazien besaß. Mit der Athenischen Flotte kam er 424, wohl ohne seine Schuld, zu spät beim Entsatz von Amphipolis. Er wurde für zwanzig Jahre verbannt und beschreibt sein glückloses Unternehmen ohne Ressentiment. Er als einziger der drei ist ein Mitglied der Oberschicht.

Nicht so Machiavelli, dem 1512 nicht sein "Scheitern", sondern die Rückkunft der Medici, großer Herren also, zum Verhängnis wurde. Schließlich hat er die einzige militärische Tat der Republik Florenz, die Eroberung der Stadt Pisa, betrieben und erreicht.

Nicht so auch Carl Clausewitz, dem sein mehr als dubioser Adel erst fünf Jahre vor seinem Tode, erst 1827, vom König bestätigt wurde. Man ahnt, was dieser Makel in Preußen damals bedeutet hat. "Über einen großen Kampfplatz", so hatte er seiner Verlobten, der Hochadeligen Marie von Brühl, anvertraut, müsse er nach oben kommen. Aber dafür war er zu jung. An fünfzehn Tagen höchstens befand er sich im Gefecht.

Sein väterlicher Freund Scharnhorst, 1813 gestorben, war 25 Jahre älter, sein väterlicher Freund Gneisenau, ein Vierteljahr vor Clausewitz an der Cholera gestorben, 20 Jahre. (Clausewitz in einem Brief des Jahres 1813: "Mein Freund G. repräsentiert wie ein Gott in seiner Generalsuniform.")

Als Clausewitz 1815 seinem Vorgesetzten von Thielmann zu der später umstrittenen Entscheidung riet, vor den Truppen des Marschalls Grouchy zurückzuweichen, obwohl er von Napoleons Niederlage bei Waterloo Kenntnis hatte, war er 35 Jahre alt. Ihm bot sich nicht die Chance, wie Gneisenau Schicksal zu spielen, der unter der Windmühle von Brye seiner bei Ligny geschlagenen Armee den Befehl gab: "Nach Norden. Richtung Wavre!", Wellington zur Hilfe.

So mag denn stimmen, daß Clausewitz zu anspruchsvoll und zu bescheiden in einem war. Als Direktor der Kriegsakademie zwischen 1818 und 1830 hatte er nur Verwaltungskram zu bestellen. Auch neigte er zu Querulantentum und Depression, weil er sich ständig zurückgesetzt wähnte.

Aber ist ein Mann, der uns heute noch beschäftigt, im tätigen Leben nur deshalb gescheitert, weil er selbst sein tätiges Leben für gescheitert hielt? Dieser hier wurde mit 38 Jahren Generalmajor und war später Inspekteur der II. Artillerieinspektion in Breslau.

Wie soll man über Schlachtfelder aufsteigen, wenn man Preuße und wenn kein Krieg ist? So mögen wir denn unerörtert lassen, ob Clausewitz, 51 Jahre alt, an einem leichten Anfall S.49 von Cholera oder am Mißvergnügen mit dieser Welt starb.

Warum hat er sein Hauptwerk "Vom Kriege" zu Lebzeiten nicht veröffentlicht? Weil er zu strenge Maßstäbe anlegte? Weil es angesichts offenkundiger Widersprüche nicht ausgereift war? Weil er die Kritik der schnöden Zeit- und Neidgenossen fürchtete? Weil er noch nicht ganz fertig war?

Gerade, was den Ruhm des Werkes heute ausmacht, meist bei denen, die es nicht gelesen haben, ist eine recht zweischneidige Sache: der Primat der Politik (Stichwort "Krieg -- Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln"). Diesen Königsgedanken hat er, so meint auch Gerhard Ritter, "aus der militärwissenschaftlichen Literatur seiner Zeit" übernommen.

Das Buch "Vom Kriege" versäumt es -- unbewußt, absichtlich --, die Politik zu definieren. Den Akkord zwischen dem als genial gesehenen Feldherrn und der Staatsführung soll offenbar die Politik allein "eisten: Nur dann, wenn die Politik sich von gewissen kriegerisch"n " Mitteln und Maßregeln eine falsche, ihrer Natur nicht " " entsprechende Wirkung verspricht, kann sie mit ihren " " Bestimmungen einen schädlichen Einfluß auf den Krieg haben. " " Wie jemand in einer Sprache, der er nicht ganz gewachsen ist, " " mit einem richtigen Gedanken zuweilen Unrichtiges sagt, so " " wird die Politik dann oft Dinge anordnen, die ihrer eigenen " " Absicht nicht entsprechen. "

Mithin, wie Dieter Senghaas schreibt, kann die Politik "nach der immanenten Logik der Argumentation Clausewitz'' nur dort auftreten und Wirksamkeit gewinnen, wo die Realität des Krieges, im Gegensatz zu seinem begrifflich geforderten, gleichsam logischen Verlauf, etwas Spielraum für die politische Intervention freigibt, der Clausewitz allerdings in der Praxis eindeutig Priorität beimißt".

Der Theoretiker ist in der Analyse praktisch. Aber die politische Führung hat sich zu rechtfertigen, nicht der begnadete Feldherr. Es scheint, daß die Theorie dem praktischen Verstand des Autors nicht folgen mag, der gelegentlich in kriegerischen Exaltiertheiten schwelgt. "Wir mögen nichts hören von Feldherren, die ohne Menschenblut siegen", schreibt er. Die blutige Entladung der Krise, das Bestreben zur Vernichtung der feindlichen Streitkraft ist "der erstgeborene Sohn des Krieges".

Der Krieg ist das Absolute, das zur Entladung bis zum äußersten drängt. Der ideale Krieg trägt in sich zwangsläufig die Eskalation, die auf Intensivierung aus ist, bis hin zur gänzlichen Vernichtung des gegnerischen Kriegspotentials.

Hingegen, die Politik ist das mäßigende Element, das Phlegma der Dinge, das den Krieg beständig daran hindert, sich zu seiner Idealgestalt zu entwickeln. Dies ist ein sonderbar abstrakter Gedanke deshalb, weil er den Krieg und die Politik in zwei Teile reißt. Der Krieg wird wesensmäßig definiert, die Politik aber nicht. Stimmt es, wie Raymond Aron meint, daß der Atom-Krieg der Politik als der Intelligenz des personifizierten Staates ihre wahre Bedeutung zurückgibt?

Wenn die Politik nicht ausgereicht hätte, den Krieg der atomaren Waffen zu verhindern, wie soll sie dann ausreichen, die eingemischten atomaren Mittel wieder herauszuziehen, bevor das gegnerische Kriegspotential gänzlich vernichtet ist?

Oder die Potentiale beider Gegner? Die Leute um Ronald Reagan legen ihre Politik so an, als ob es möglich wäre, dem Gegner eine entscheidende Niederlage zu bereiten, ohne sein Potential gänzlich zu vernichten, unter weitgehender Schonung des eigenen Potentials. Ob dies verzweifelte Experiment glücken könnte, mag jeder Stammtisch-General mutmaßen. Glückt es, dürfte es noch dei USA und die Sowjet-Union geben, nicht aber die Eingeborenen Preußen-Deutschlands.

Clausewitz ist zu nüchtern, um sich Ideologien zu leisten. Zwar weiß er den Wert der Feindschaft im Kriege zu schätzen, aber Kriegsgründe existieren für ihn nicht, sie sind Sache der politischen Führung. Allemal geht es darum, der Stärkste zu bleiben oder zu werden; geht es darum, zu verhindern, daß ein anderer stärker und man selbst schwächer wird.

Der Preuße konnte die Sprengkräfte des Atoms nicht ahnen. Er fragt, "nd Raymond Aron läßt ihn fragen: Wenn ein kleiner Staat sich im " " Konflikt mit einem stärkeren befindet, muß er dann nicht die " " Initiative ergreifen, sobald die Zukunft ihm keine andere " " Perspektive eröffnet als die Verschlechterung des " " Kräfteverhältnisses? Der höchste Verantwortliche braucht in " " diesem Fall nicht weniger Mut, Entschlossenheit, sogar " " Kühnheit als der General auf dem Schlachtfeld. "

Die stärkste, bedrohlichste Macht war in seiner Sicht Frankreich, gegen das er noch in seinem letzten Lebensjahr privatim Feldzugspläne entwarf. Preußen, ein sozusagen kleiner Staat, war eindeutig schwächer.

Aber wenn er das Genie eines Bismarck nicht voraussah, so hat er doch die von der Französischen Revolution entbundenen Energien erlebt, samt allen nationalen Leidenschaften. Sein Freund Gneisenau wollte den Kaiser Napoleon erschießen lassen.

Sein Schlüsselerlebnis war dieser "Gott des Krieges", den er im Buch durchweg, mit einer Ausnahme, Bonaparte nennt. Demgemäß beurteilt er die Kriegsführung des 18. Jahrhunderts ungerecht, weil herausgelöst aus ihren gesellschaftlichen Bedingungen. Die Kriege des Großen Friedrich, weiß Gott blutig genug, nennt er "zusammengeschrumpft".

Der "Primat der Politik", von Clausewitz in immer neuen Wendungen glänzend formuliert, galt dem Friedrich als Selbstverständlichkeit. Erst lange nach beider Tode, ab 1890 etwa, hat sich der "militärisch-industrielle Komplex" selbständig gemacht.

Das gesamte Denken des Preußen bewegt sich im Spannungsfeld zwischen seiner rationalen Vernunft und seiner ästhetischen Bewunderung für die kriegerische Entladung. Ob er sich, wie der Vietnam-General Westmoreland, das "automatisierte Gefechtsfeld" gewünscht hätte?

Clausewitz kennt schon den Krieg, der "ganz unpolitisch aussieht", den Krieg auf Sein oder Nichtsein, in dem Politik und Feindschaft zusammenfallen. Clausewitz meint nicht Breschnew oder Stalin, er meint Napoleon, wenn er schreibt: "Der Eroberer ist immer friedliebend ... er zöge ganz gern ruhig in unseren Staat ein."

Aber der Krieg war immer und bleibt ein, laut Clausewitz, Kartenspiel, er findet statt auf dem Felde des Zufalls. Die dieses Spiel wagen, kennen heute nicht einmal ihre eigenen Karten.

"Wehe dem Kabinett", ruft Clausewitz, "das mit einer halben Politik und gefesselten Kriegskunst auf einen Gegner trifft, der wie das rohe Element keine anderen Gesetze kennt als die seiner innewohnenden Kraft."

Aron bemängelt zu Recht, und als er sein Buch schrieb, gab es noch keinen Ronald Reagan, daß Clausewitz sich zu dem ergänzenden Gedanken niemals verstehen mochte: "Wehe dem, der in einem gleichgewichtigen Staatensystem den Sturm entfacht."

Ja, wir haben ein gleichgewichtiges Staatensystem. Wie nun, wenn beide Seiten unter allgemeinem Geschrei, die jeweils andere entfache den Sturm, den Sturm entfachen? Dann wird die "Barzahlung", wie Clausewitz sagen würde, fällig, die Entscheidung der atomaren Waffen. Auf des Herrgotts Kreide läßt sich ewig nicht zechen. "Abschreckung" ist bei Aron "ein Wechsel ohne Barzahlung".

Ob man aber diesen reflexartigen Sturmlauf, diese menschliche Selbstzerstörung außerhalb menschlicher Erkenntnisfähigkeit, noch eine "Entscheidung" wird nennen können? Tickt diese Entscheidung nicht schon? Ist nicht bereits entschieden, zugunsten der "Barzahlung", und geht es noch um irgend anderes als um das Ausmaß der Selbstvernichtung?

Unser Krieg ist nicht mehr die Fortsetzung des gesellschaftlichen Lebens unter Einmischung anderer Mittel.

Wie schrieb Marx dem Engels über Clausewitz: "Der Kerl hat einen common sense, der an Witz grenzt."

S.48

Der Atomkrieg gibt der Definition der Politik als Intelligenz des

personifizierten Staates ihre wahre Bedeutung wieder.

Raymond Aron in "Clausewitz --Den Krieg denken"

*

Eine Rivalität oder ein Interessenkonflikt zum Beispiel zwischen der

Sowjet-Union und den Vereinigten Staaten ist kein Krieg, bei dem die

Historiker die Verantwortlichen, den Anfang und das Ende bestimmen

könnten.

*

Es scheint manchmal tatsächlich, daß die amerikanischen Strategen

dazu neigen, die Diplomatie in Begriffen der Gewalt zu denken,

während die Marxisten-Leninisten trotz ihrer Wortwahl die

theoretische Grenze dort beibehalten, wo die Tradition sie gezogen

hat.

*

... gehört Clausewitz zu den Männern, die wie Thukydides und

Machiavelli -- dank ihres Scheiterns im tätigen Leben -- die Muße

fanden und die Entschlossenheit, eine Kunst, die sie unvollkommen

praktiziert, in der Theorie zum klaren Bewußtsein zu bringen.

*

S.49

Nur dann, wenn die Politik sich von gewissen kriegerischen Mitteln

und Maßregeln eine falsche, ihrer Natur nicht entsprechende Wirkung

verspricht, kann sie mit ihren Bestimmungen einen schädlichen

Einfluß auf den Krieg haben. Wie jemand in einer Sprache, der er

nicht ganz gewachsen ist, mit einem richtigen Gedanken zuweilen

Unrichtiges sagt, so wird die Politik dann oft Dinge anordnen, die

ihrer eigenen Absicht nicht entsprechen.

*

Wenn ein kleiner Staat sich im Konflikt mit einem stärkeren

befindet, muß er dann nicht die Initiative ergreifen, sobald die

Zukunft ihm keine andere Perspektive eröffnet als die

Verschlechterung des Kräfteverhältnisses? Der höchste

Verantwortliche braucht in diesem Fall nicht weniger Mut,

Entschlossenheit, sogar Kühnheit als der General auf dem

Schlachtfeld.

*

S.48 Raymond Aron: "Clausewitz -- Den Krieg denken". Propyläen Verlag, Frankfurt; 782 Seiten; 68 Mark. *

Von Rudolf Augstein

0 thoughts on “Interessenkonflikt Beispiel Essay

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *